Frauenleibchen als Brustträger – Das Patent des ersten deutschen BHs

Am 5. September 1899 meldete Fräulein Christine Hardt aus Dresden beim Kaiserlichen Patentamt ihr „Frauenleibchen als Brustträger“ an. Dieses erste deutsche Patent für einen BH erhielt die Nr. 110888 und wurde in der „Klasse 3, Bekleidungsindustrie“ vergeben. Wenn man heute zu der Erfindung etwas liest, dann findet sich meist eine Formulierung wie diese: „Es (das Frauenleibchen) bestand aus zusammengeknüpften Damentaschentüchern und Männerhosenträgern.“ Doch wie sah Christine Hardts BH tatsächlich aus?

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Eine Recherche beim Deutschen Patentamt* bringt das Geheimnis ans Licht. Christine Hardts BH ist alles andere als eine, aus zwei vorhandenen Dingen (Männerhosenträger, Stofftaschentücher) simpel zusammengeknüfte Konstruktion. Im Patent beschreibt die Dresdner Hausfrau, über die selbst kaum etwas bekannt ist und von der auch keine Bilder existieren, ihre Erfindung wie folgt:

„Das Frauenleibchen als Brustträger besteht aus Rücken- und Seitentheilen d, auf welche Schlaufen a aufgenäht sind, durch welche Männerhosenträger jeder Art (e) eingeführt und durch Knöpfe  b befestigt werden können. Der Vordertheil ist in der Mitte bei f zusammenzuknöpfen Zur Aunahme je einer Brust sind Behälter g1 und g2 bestimmt, die unten und an der Seite fest umnäht sind, oben aber mit Band h, welches durch den Behälterstoff g1 und g2 geführt und am Ende i festgenäht ist, größer oder kleiner gestellt werden können…“ Der damals mit der Angelegenheit beschäftigte Sacharbeiter notierte: „…also mir isset völlich schleierhaft, wie man so ne hübsche Erfindung so kompliziert machen kann.“ Da kannte der Herr Sachbearbeiter aber die modernen BHs noch nicht, die aus 50 und mehr Einzelteilen bestehen.

Hinsichtlich der Aufgabe des BHs hat sich seit damals nichts geändert, doch der Aufbau unterscheidet sich deutlich von einem modernen Modell: „Der Zweck des Leibchens besteht hauptsächlich darin, die Brüste aufrecht zu halten, ohne die Function einer gesunden Brust irgendwie zu beeinträchtigen…“ Wie man dem Patent entnehmen kann, hatte Christine Hardt keine festen Cups vogesehen, sondern verstellbare „Behälter“ für den Busen. Sicher hätte sich die Dresdnerin damals nicht vorstellen können, dass es einmal „gebrauchsfertige“ Büstenhalter in allen erdenklichen Größen geben würde. Höchstwahrscheinlich wäre es der sparsamen Hausfrau auch nie in den Sinn gekommen, dass Frauen mehr als nur eines ihrer Frauenleibchen besitzen könnten, deshalb war der BH so konzipiert, dass sich die „Brustbehälter“ zum Waschen abtrennen ließen.

Ein weiterer wichtiger Unterschied besteht zum heutigen BH:  Das „Leibchen… ist aber im Umfang so reichlich gehalten, dass beim Zuknöpfen daraus kein festes Anliegen des Leibchens am Rücken und an den Seiten des Körpers entsteht, und es wird somit jeder gesundheitsschädliche Druck auf die Brustorgane vermieden.“ Ganz offensichtlich bestand Christine Hardts wichtiges Anliegen darin, die damals üblichen, einengenden Korsetts abzulösen, denn nicht selten fielen Frauen in Ohnmacht, denen durch die fest geschnürten Mieder schlicht und einfach die Luft wegblieb. Deshalb fehlt ihrem BH auch das Unterbrustband, „Die Brüste werden nur in ihren anschliessend stellbaren Brustbehältern mit Hülfe der Träger e hochgehalten, nicht aber durch ein fest um Brust und Rücken anliegendes Leibchen.“ Ob dies beim Tragen von Vorteil war, sei dahingestellt. Gerade bei großem Busen ist davon auszugehen, dass die Träger mit der Zeit in die Schultern einschnitten. Moderne BHs verfügen heute über ein Unterbrustband, das ca. 90 Prozent des Gewichtes der Brüste trägt. Allerdings konnte Christine Hardt zu ihrer Zeit noch nicht auf die elastischen Stoffe zurückgreifen, die heute für diesen Teil des BHs eingesetzt werden.

Auch wenn das Frauenleibchen von Christine Hardt damals großen Anklang fand, seinen kommerziellen Siegeszug feierte der BH erst in den 1920er. Bereits ein knappes Jahrzehnt zuvor ging bei Lindauer & Co in Cannstadt der Büstenhalter in Serienfertigung. Das Unternehmen ist heute noch unter dem Namen PrimaDonna aktiv.

 

Nachtrag:

Der allererste BH wurde 1889 von der Französin Herminie Cadolle angemeldet. Im deutschsprachigen Raum gebührt diese Ehre dem Fabrikant Hugo Schindler aus Marienschein bei Teplitz, damals „Böhmen, Österreich-Ungarn“ (und nur etwa 60 Kilometer von Dresden entfernt!). Allerdings meldete Schindler seine Erfindung 1893 beim „Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum“, dem Schweizer Patentamt, an. Sein Büstenhalter, übrigens wie Hardts Erfindung ein „Vorderverschluss BH“,  erinnert stark an eine orthopädische Stütze und ist dem Korsett damit noch näher als dem heutigen modernen BH.

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